Wenn du mich demütigst, machst du mich groß
Aus Bibellexikon
2. Samuel 22, 36 (ML 1545)
Und gibst mir den Schild deines Heils. Und wenn du mich demütigst, machst du mich groß.
Teure Leser-Gemeinde!
Das kurze Wort, das ich dieser Andacht vorangestellt habe, hat nach wörtlicher Übersetzung des Grundtextes einen etwas anderen Sinn. Aber es drückt in der obigen Fassung so vollkommen und scharf einen wichtigen und namentlich neutestamentlichen Gedanken aus, daß ich es gerade so zur Grundlage dieser Betrachtung machen möchte.
Das Evangelium ist für den rein irdischen Verstand voller Widersprüche! Wenn der Herr nicht bloß in geistreicher Wendung, sondern in vollem Ernst die geistlich Armen, die Leidtragenden, die Verfolgten selig preist, wenn er die Unmündigen als die Empfänger einer Weisheit nennt, die den Weisen und Klugen verborgen bleibt -: so sind das lauter Gedanken, die dem natürlichen Sinn als Widerspruch erscheinen. Sie alle noch überbietend spricht Paulus das Wort aus: “ich will mich am allermeisten meiner Schwachheit rühmen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.” Er spricht das nicht nur gelegentlich aus; er will eben damit das eigentliche Geheimnis seines Wirkens darlegen. Was für ihn die Quelle seiner Kraft ist, daß muß dem natürlichen Menschenverstand als das Gegenteil erscheinen. Schwerlich kann eine stärkere Paradoxie ausgesprochen werden. Derselbe Ton wird nun auch in unserem Wort geschlagen: wenn du mich demütigst, machst du mich groß. Für den natürlichen Menschen ist das einfach eine Sonderbarkeit: für den Christen gibt es den Weg zur Größe an - wie löst sich der Widerspruch? Allerdings nicht auf dem Boden des bloßen Verstandes wächst die Lösung; sie entstammt einem tieferen Grunde, dem des geistlichen Lebens und der geistlichen Erfahrung. “Das Geheimnis des Herrn ist bei denen, die ihn fürchten,” heißt es im Psalm; das gilt auch hier. Es bedarf einer bestimmten Gesinnung, eines guten Wollens, um dasselbe zu erfassen. Der irdisch gesinnte Mensch kann in der Demütigung nur Trauer, nur Lebenshemmung sehen; der geistlich gesinnte weiß, daß gerade da sein Gott ihm nahe kommt, um neue Segensbahnen mit ihm einzuschlagen. Der irdisch gesinnte Mensch steht dem Evangelium gegenüber wie einem Rätsel oder einer Verirrung - ein philosophischer Schriftsteller hat einmal die Demut eine Tugend der Lumpe genannt, der geistlich gesinnte hat gerade darin die Lösung der Rätsel, das Geheimnis des Friedens mitten im Streit und der Freude im Leid, den Weg zum Heil. So wird es denn zur Gewissensfrage über unsere Stellung zum Evangelium, zum Maßstab für unsere geistliche Erfahrung, wenn ich frage, was bedeutet unser Textwort für uns? Bitten wir Gott, daß sein Geist es uns öffne. Dieses Wort soll der Gegenstand unserer Erwägung sein: Wenn du mich demütigst, machst du mich groß. Wir sagen:
1. Seliges Demütigen, das zum Großwerden führt.
2. Seliges Großwerden, das aus der Demütigung hervorgeht.
1.
In großartigen Worten schildert oft die Schrift das Walten Gottes, der beides tut, demütigen und erhöhen, der die Gewaltigen vom Stuhle stößt und erhöht die Niedrigen, der die Hungrigen mit Gütern füllt und läßt die Reichen leer, der tötet und wieder lebendig macht, der in die Hölle führt und wieder heraus. Von diesem äußerlich richtenden Demütigen ist hier zunächst nicht die Rede. Diese Demütigung macht noch nicht notwendig demütig; die Erniedrigung an sich noch niemanden groß. Wir wissen vielmehr alle: es wohnt in jedem Menschenherzen ein dunkler,finsterer Protest; so oft Gottes Gerichte weich machen, ebenso oft machen sie auch hart. Ach wie hundertmal, und wenn noch so schwer getroffen, steht der kleine Mensch dem gewaltigen, allmächtigen Gott gegenüber in seiner Protesthaltung ungebeugt und leugnet sich selbst die Gerichte ab, die eben über ihn ergehen. Durch wie manches Menschenleben, das unter der züchtigenden und richtenden Hand Gottes steht, geht mehr oder weniger klar erkannt dieser Geist des Widerspruchs, des Widerstrebens und der Protesthaltung hindurch. Dieses Protestieren und Aufbäumen ist es, was das Leid so schwer, die Entsagung so bitter, die Stimmung so verzweifelt macht. An dieser Protesthaltung, die nicht opfern und sich nicht beugen will, zerbricht dein Friede und dein Lebensglück. Wie viel immer neue Demütigungen wird Gottes Erziehen noch brauchen, um durch dieselben dein Herz auch demütig zu machen. In deine Hand ist es gelegt, ob und wann es geschehen wird. Wir können nur sagen - dann wird es geschehen, wenn du sprechen lernst: Du Gott demütigst mich! So viel aber schließt dieses Wort ein. Es ist ein Gebet: das ist bedeutsam. Wer betet, der unterwirft sich Gott; er tut es auch dann schon, wenn er nur erst um den Geist der Unterwerfung bittet. Wer protestiert kann nicht beten, und wo gebetet wird, hört die Protesthaltung auf. Wer betet, glaubt auch; er glaubt selbst dann schon, wenn er noch erst um Glauben und Gewißheit riefe. Wo aber Glaube anfängt, hört immer die Verbitterung auf. “Wenn du mich demütigs” - das Wort schließt somit ein wunderbares Ineinander von göttlichem und menschlichem Tun ein. Wer so betet, denkt zunächst an alle äußeren Demütigungen, die er erfuhr, aber er weiß auch zugleich, daß Gott sie gesandt hat, um ihn demütig zu machen, und betend beugt er sich also unter die Gotteshand, die auf ihm liegt und lauscht der Stimme Gottes, die zu ihm redet; er wird demütig. Fragen wir wie das geschieht? Wenn du mich demütigst, heißt es; aber keiner unter uns bleibt ohne Demütigung und die am wenigsten, die Gott hoch heben will. Sie vollziehen sich im kleinen und im großen, im nehmen und im geben, heimlich und öffentlich. Hier nimmt Gott was Freude, Schmuck und Krone deines Lebens war, und dort gibt Er ein Kreuz, unter dem das Glück und der Glanz des Lebens erstirbt. Hier heißt Er einen von seiner Höhe, von Wohlstand und Sorglosigkeit in Not und Enge herabsteigen, und dort legt Er mitten in äußerer Behaglichkeit dir einen verborgenen Druck auf, von dem keiner ahnt, wie tief er dich beugt und wie schmerzlich er einschneidet. Hier ist es die Feindschaft der Menschen, die dich quält, und dort die Verhältnisse in deinem Haus, das Kreuz an den Kindern, was dich innerlich zerreibt und zermürbt, ein Pfahl im Fleisch, der gerade dann bohrt, wenn du die Flügel heben willst, ein immer neues Mißlingen, auch wo du deine besten Kräfte eingesetzt hast. Wer kann alle die Wege aufzählen, auf denen Gott Menschen demütigt; sie sind so verschieden wie die Menschen selbst, die Er auf ihnen führt; genug, daß sie alle ein Ziel haben:- der eigene Wille soll gebeugt werden unter den Willen Gottes. Er allein will der Herr sein, vor dem aller Protest des selbstischen Eigenwillens zu verstummen, alles Widerstreben sich zu beugen hat. Weigere dich dessen nicht; laß deine Unterwerfung immer stiller, immer williger, immer wortloser werden. Versenke immer gläubiger Verzagen und Bitterkeit, Murren und Schelten in das Gebet: Dir Gott halte ich still! Du sollst erfahren:- Er plagt nicht von Herzen Menschenkinder; wen Er lieb hat den züchtigt Er; auch in der Demütigung walten seine Friedensgedanken; denn wen er demütigt den macht er groß. Aber noch tiefer geht der Gedanke. Dieser Gott der demütigt, ist ein heiliger Gott. Ohne Heiligung wird niemand ihn schauen. Wir aber sind unheilig. Ach, liebe Freunde, wie oft wird ein zartes Gewissen diese bestimmte Demütigung zurückbeziehen auf eine bestimmte Schuld! Wie oft mag der Stachel, der am wehesten tut, der des erwachenden Gewissens sein, das deutlich ausspricht - du hast es selbst verschuldet. Aber auch wo das nicht unmittelbar der Fall wäre, nie beugt Gott den Menschen, ohne dabei auf die sündigen Stellen des Herzens die Finger zu legen. Er tut keinen in das Feuer der Anfechtung, als damit ihm seine Sünde ausgeschmolzen werde. Und dies in dem äußeren Druck als Gottes eigentlichen Gedanken verstehen, den eigenen Protest als Sünde zu fühlen, das Zerbrechen aller hochmütigen Träume als Heimsuchung göttlicher Gerichte erfassen, nicht bloß vor dem allmächtigen Gott sich beugen im Bewußtsein der Ohnmacht, sondern vor dem heiligen Gott im Bewußtsein der Schuld, das erst ist tiefste Beugung und rechte Demütigung. Merken wir uns das namentlich für solche Demütigungen, die uns von Menschen angetan werden. Eine Zurücksetzung, verdient oder unverdient, eine ernste Wahrheit, vielleicht nicht gerade in Liebe gesagt, eine Verleumdung, das schwer wird zu tragen, auch das steht in Gottes Hand und kommt aus Gottes Hand, der es zuläßt und in seiner Weise braucht, um dami un uns einen wunden Fleck, eine dunkle Stelle strafend und züchtigend zu berühren. Und willst du in dem allen überwinden, so lerne vor allem mit dem Psalmisten sprechen: ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun und will murren lernen über meine eigenen Sünde, auf die Gott mich hinweisen will, und ringen nach der Frucht der Heiligung, die daraus erwachsen soll. Merken wir dann aber auch in noch tieferem Sinn:- das ist doch das letzte Ziel aller Demütigungen, die Gott uns auflegt oder zuläßt, daß an denselben der Mensch nicht nur auf diese oder jene einzelne Verschuldung und Verfehlung aufmerken lerne, sondern daß er an ihr seine Sünde in der Tiefe fühlen lerne, die Paulus-Empfindung: ich elender Mensch! - daß gedemütigten Geistes sein einziger Trost in der Zöllnerbitte liegt: Gott sei mir Sünder gnädig! So hat es Petrus gelernt in den Tagen der tiefsten Demütigung seines Lebens. So hat es sich einem Paulus eingeprägt in jenen Tagen der Blindheit von Damaskus mit einer Gewalt, daß er noch am Ende seines Lebens spricht: ich bin ein Vornehmster der Sünder. Und so schwer auch solche Tage der Demütigung und Beugung sind, in denen der ganze Mensch mit seiner Gerechtigkeit zusammenbricht, in denen er vielleicht am tiefen Fall oder drohender Schande die Tiefe der Sünde erfassen wird, die in ihm ist, in denen er es darum lernt, nichts mehr für sich zu hoffen, als von Gnade und von der Gnade allein; dennoch , die solche Tage erleben, sind nicht verloren, sie sind schon gerettet. Selige Menschen sind es; sie werden zurückschauend wie einst Petrus, wie Paulus, wie so viele Große im Reiche Gottes bekennen dürfen: “ ehe ich gedemütigt ward, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort.” Da du mich demütigtest, machtest du mich groß! Ja; du demütigst mich! Es gibt keinen unter uns, der nicht so sprechen soll. In guten und in bösen Tagen, in freundlichen und in ernsten Zeiten bleibt das der Grundgedanke göttlicher Liebe zu uns Menschen, daß er uns demütige. Lernen wir nur das eine, uns ihm zu lassen; bitten wir um das stille, aufmerkende Hez, das seine Gedanken versteht, um das willige Herz, das seiner Mahnung folgt. Seliges Demütigen das nur die Vorstufe der Erhöhung ist! Seliges Großwerden, das solcher Demütigung folgt.
2.
Gewiß, es ist kein äußerliches Großwerden. Von äußerlicher Erhöhung gilt immer die einschränkende Bitte, die in der liturgie der Brüdergemeinde sich findet: “vor unseligem Großwerden behüte uns, lieber Herre Gott!” Wie oft ist die äußere Erhöhung nur ein Großwerden und ein Steigen auf Kosten der Seelenruhe, ein Weltgewinn, bei dem die Seele Schaden nimmt. Ein innerliches, geistliches Großwerden meint das Schriftwort. Das aber kann nur den Gedemütigten zuteil werden. Den Demütigen gibt Gott Gnade. Zu den Gefallenen neigt sich der Herr erbarmend herab. Auf die tiefste Demütigung antwortet die tiefste Erbarmung. O, liebe Freunde, man mag viel Herrliches vom Evangelium wissen, von seiner Moral, von seiner Anbetung im Geist und in der Wahrheit, von der Kraft seiner Gedanken - das Herz des Evangeliums ist doch Erbarmung Gottes in Christo, ist Erlösung, Versöhnung, Sündenvergebung durch ihn, und dies Allerheiligste des Evangeliums öffnet sich nur denen, die zerschlagenen und gedemütigtenGeistes sind. Nur sie sind die Großen, die dort zu jeder Zeit Zutritt haben. Sie gleichen dem leeren Gefäß, das ohne Unterlaß die Gnade füllt. Sie sind die Hungernden und Dürstenden, die beständig geladen sind an den Tisch, den Christus ihnen deckt, und die sich sättigenan den reichen Gütern seines Hauses. Bei Gott in Gnaden, den großen Hohenpriester zur Seite, der sich nicht schämt, uns Brüder zu heißen, ein Glied des Volkes, das Vergebung der Sünden hat, ein Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenosse sein - das ist das Großwerden, das den Demütigen zuteil wird. Ein anderes haben wir nicht zu erwarten; aber dieses ist groß genug, um alles daran zu setzen. Gewiß, wem jene Demütigung, die vor Gott liegt nicht auf die eigene Gerechtigkeit, sondern auf Gottes große Barmherzigkeit, eine unbekannte Sache ist, der kann diese Größe nicht verstehen. Aber wer innerlich jene Beugung erfährt, dem wird diese Erhöhung das Größte, wonach er trachtet, das Höchste, um das er ringt. Was hat einem Petrus der Augenblick bedeutet, wo er aus der Demütigung emporgehoben wird zu dem Dienst: weide meine Lämmer! oder Paulus jene stille Stunde der Begnadigung, die die Apostelgeschichte nur mit dem einen Wort bezeichnet: siehe, er betet! Dieselbe Bedeutung hat für ein gedemütigtes Herz der Augenblick, in dem aus der Tiefe seiner Beugung sein Heiland es aufrichtet und ihm den Trost der sündenvergebenden Gnade zuspricht, in dem ihm in dem Gefühl der Beschämung wie der Erhöhung diese Liedzeilen verständlich werden Du reichst uns deine durchgrabene Hand, Die soviel Treue an uns gewandt, Daß wir beim Drandenken beschämt dastehen Und unser Auge muß übergehen Von Lob und Dank.
Wer in Gnaden ist bei dem Vater, in Christo dieser Gnade gewiß, der ist groß. Wenn du mich demütigst, machst du mich groß! Groß bei Gott und darum auch groß im Verhältnis zur Welt! Die gedemütigten Menschen sind die starken Menschen, die eine unversiegbare Kraft haben auch in der äußeren Not und eine Kraft, alle äußere Drangsal zu überwinden. In der Tat, diese gedemütigten Menschen, die stille zu Gott auch den untersten Weg gehen, beherrschen die Dinge; das Irdische liegt unter ihrem Fuße; sie sind geschirmt von dem Schilde des Heils. Sie wissen nicht immer, warum die Demütigung über sie kommt und gerade diese Prüfung über sie hereinbricht; sie fragen auch nicht danach; Gott weiß es, und seine Gedanken müßten ja nicht größer sein als unsere, wenn auch wir es immer wissen sollten.
Ich blicke voll Beugung und Staunen
hinein in das Meer seiner Gnad
und lausche der Botschaft des Friedens,
die Er mir verkündiget hat.
Sein Kreuz bedeckt meine Schuld,
sein Blut macht hell mich und rein.
Mein Wille gehört meinem Gott;
Ich traue auf Jesum allein.
Wie lang hab ich mühvoll gerungen,
geseufzt unter Sünde und Schmerz!
Doch als ich mich ihm überlassen,
da strömte sein Fried in mein Herz.
Sein Kreuz bedeckt meine Schuld ...

