Gott schreibt auf krummen Linien gerade
Aus Bibellexikon
Gott schreibt auf krummen Linien gerade !
Predigt: Sonntag, 09.Nov. 2008 in der Evang.-meth. Kirche Rorschach von Heinz Schiess, Predigthelfer, EMK-Rorschach
Wie jedes Jahr zum Jahresende, werden guten und treuen Geschäftspartnern und Kunden Dankeskarten, von Hand, geschrieben. Dabei muss ich aufpassen, dass ich die Kuverts und Karten richtig hinlege, damit ich einigermassen gerade schreibe, so dass die Wörter und Zeilen nicht tanzen. - Vielleicht könnt Ihr das besser, gut, schnell und gerade schreiben? Nun wie auch immer unser Schriftbild aussehen mag - und ist es vielleicht auch nicht so schön gerade - für Gott ist das kein Problem. denn Er hat im Laufe der Geschichte immer wieder gezeigt, dass Er auch da, wo wir in unserm Leben krummen Linien gezogen haben, gerade schreiben. Davon werde ich heute morgen reden.
Im 2. Korintherbrief 3 heisst es, dass wir ein lebendiger Brief Christi sind, den alle Leute lesen können. 2 Ihr seid unser Brief, in unser Herz geschrieben, erkannt und gelesen von allen Menschen! 3 Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich in eure Herzen.
Wir Christen sind also mit unserm Leben wie ein Brief von Jesus, der von allen Menschen gelesen werden kann. Unsere Herzenshaltung und unsere Einstellungen im Alltag werden sichtbar. Unsere Mitmenschen können unser Leben lesen, und sie sehen und lesen (ganz gerne) auch das krumm Geschriebene. Dies war schon zu allen Zeiten so.
Eine Geschichte aus dem patriarchalischen Zeitalter zeigt uns, wie Gott selbst auf krummen Linien gerade schreiben kann:
Die Geschichte handelt von einem Mann, der mit 30 Jahren in �gypten einen neuen Namen bekam: Zafenat-Paneach und eine Frau mit Namen Asnath geheiratet hat. Seine Geschichte beginnt 1. Buch Mose 30.23: Der Zanfenath-Paneach wurde als 11. Sohn des Vaters und als 1. Sohn der Mutter wurde er in Haran (in der heutigen Türkei / Kurdengebiet) geboren. Seine 10 Brüder wurden von 3 andern Müttern geboren - von Lea, Bilha und Silpha. Sein Vater hiess Jakob und seine Mutter Rahel. Und sein ursprünglicher Name war Joseph, was bedeutet: - Gott füge noch dazu.
Wir alle kennen die Geschichte aus der Bibel. In einem kleinen Abriss möchte ich das Leben von Joseph kurz aufzeichnen:
Joseph war das erste langersehnte Kind von Jakob mit der Rahel. Für Rahel (und auch Jakob) ging mit der Geburt von Joseph ein langer Leidensweg, wegen ihrer Kinderlosigkeit, zu Ende. Die Freude über die Geburt von Josef war gross. Und die ältern Geschwister konnten den kleinen Joseph wohl kaum genug verwöhnen. Doch beim grösser werden von Joseph kam u.a. auch durch das Vergleichen untereinander Missgunst, Argwohn und Neid auf.
Joseph merkte den "Stimmungswechsel" wohl. Dazu kam aber noch eine andere schmerzliche Erfahrung dazu, die nur entdeckt werden kann, wenn man zwischen den Zeilen liest. Nämlich bei der Geburt seines Bruders Benjamin starb seine Mutter (Rahel), und von seine Stiefmüttern konnten ihm wohl kaum die gleiche Liebe zuwenden.
Doch Joseph lernte schnell, sich Aufmerksamkeit und Anerkennung bei seinem Vater zu verschaffen. Er tat es so, indem er die Untaten seiner Brüder aufdeckte. Aber so reizte er seine Brüder nur noch mehr auf. Und als er dann noch seine Träume erzählte; von verbeugenden �hren und Sternen, die sich vor ihm verneigten, brachte dies das "Fass zum �berlaufen". Die anfängliche Liebe (Verwöhntheit) hat damit nun ganz umgeschlagen in Hass, Neid und Missgunst. Und so ist das gegenseitige Verletzen zwischen Josef und seinen Brüdern nicht mehr Ruhe gekommen.
Wenn sich gegenseitige Verletzungen immer fortsetzen, und keine Heilung finden, dann kommt es meistens zu unkontrollierten Folgen und oft auch zu einem unheilvollen Ende. Darum heisst es, dass wir keine solch bitteren, giftigen Wurzeln (wie Neid, Missgunst und Bitterkeit) in uns wachsen lassen. (5.Mose 29.17: Lasst unter euch nicht eine Wurzel aufwachsen, die da Gift und Wermut hervorbringt). Denn wenn sich solches verbreitet, zerstören wir so unsern eigenen Seelenfrieden. Genau so können wir es in der Josephs Geschichte beobachten...
Hass, Missgunst und Eifersucht verbreiteten sich unter den Brüdern von Josef immer mehr. Die Lage spitze sich mehr und mehr zu. Und die Zeit kam - mit Joseph abzurechnen - als ihn sein Vater auf die Reise zu seinen Brüdern auf die Felder schickte - weit weg von zu Hause, wo sie die Schafe hüteten. Die Brüder haben ihn schon weitem erkannt. (sein leuchtendes Kleid). Jetzt - jetzt ist die Gelegenheit da, sich von diesem verwöhnten Liebling des Vater zu entledigen. Der Hass war gross genug gewachsen, jetzt musste es passieren. Das Problem "Joseph" muss jetzt aus dem Weg geräumt werden, wie auch immer�.
So wurde er als 17-jähriger hübscher Mann als Sklave den vorbeiziehenden Nomaden verkauft�. und dem Vater erzählten sie, er sei von einem wilden Tier getötet worden.
Wer dächte hier, dass Gott in diesem Handeln seine Geschichte mitschreibt und das Gott bei so krummem Handeln einen Plan mit dem Leben von Joseph hat?
Wie muss sich Josef gefühlt haben - allein, verletzt, verlassen und gedemütigt. Gefangen und angekettet�.
Kennen wir das Gefühl, von allen verlassen zu sein? Kennen wir auch solche Momente, wo wir meinen, wir müssten Gott ein Hörgerät und eine Brille geben; weil es so scheint, dass Gott fern von allem sei� Und wir fragen uns, wo bist Du Gott, in all den Katastrophen und Lebenskrisen? Wo bist Du in den Momenten, wo solches Unrecht geschieht oder wo alle gegen einen zu sein scheinen oder sind? - Keiner ist da, der einen versteht oder helfen kann?
Wir stehen dann oft in Gefahr, Gott für alles, auch für das Böse der Menschheit verantwortlich zu machen, und auch noch für das, was wir durch unsere eigene Schuld auf uns geladen haben. Ja, wenn es einen gerechten Gott gibt, dann müsste Er doch jetzt eingreifen und helfen!
So kommt es, dass sich Menschen von Gott loslösen, gerade so wie sich die Brüder von Joseph entledigt haben.
Aber nicht so Josef.
Joseph - verkauft als Sklave - war weit weg von zu Hause, in Agypten, einem fremden Land, mit fremder Sprache - und mit grossem Liebesentzug. Weit weg von all dem, was er liebte und von der Liebe seines Vaters. Einzig sein Glaube und seine Liebe zu Gott sind ihm geblieben.
Und Gott war mit Joseph auch in �gypten - und Gott ist auch mit uns - in unserm �gypten. Joseph entwickelte sich auch als Sklave gut, so dass die Frau des Potiphars, wegen seiner Ausstrahlung und seines schönen Körpers, Gefallen an ihm bekam.
Darum wollte sie ihn verführen. - Joseph kam in eine gefährliche Situation, denn er war als junger Mann, auf dem höchsten Stand der sexuellen Entwicklung und litt unter Heimweh und Liebesmangel. In einem solchen Moment wäre mancher Mann schwach geworden und der Versuchung erlegen.
Aber nicht so Josef.
Er blieb standhaft und fest. Seine Gottesbeziehung, sein Glaube und sein Vertrauen auf Gott, und sein Verstand waren seine Stärke. Er widerstand dieser Situation, doch dabei hat er sein Leben riskiert. Zwar wird er auch hier wieder mit Tod verschont, doch dafür kommt er unschuldig (lebenslänglich?) ins Gefängnis und wurde erneut angekettet.
In solchen Momenten, wo alles hoffnungslos und elend ist, stehen wir dann wirklch in Gefahr der Glaube und das Vertrauen weg zu werfen. Und Fragen steigen auf: Wieso Herr? Habe ich das verdient, wo ich doch ehrlich und Dir gehorsam war? Hat sich der Glaube wirklich gelohnt?
Aber nicht so Joseph.
Er geht 13 Jahre durch die dunkelsten Täler. Und Gott geht mit ihm auch auf diesem Weg. Sein Vertrauen auf Gott lohnt sich. Und durch sein Anteilnehmen am Leben der Mit-Gefangenen, denen er ihre Träume deutete, ändert sich plötzlich seine elende Situation.
Denn durch seine Gabe des Traumdeutens wird er zum Pharao gerufen.
Er deutet ihm seinen Traum der 7 fetten und der 7 mageren Jahre. So wird er mit 30 Jahren zum Verwalter des Pharao, zum höchsten Staatsmann �gyptens, neben dem Pharao.
Ganz plötzlich werden seine Ketten gelöst. Ein "Change" hat statt gefunden, sein Glaube und seine Hoffnung haben sich doch gelohnt.
Die prophezeiten 7 mageren Jahre sind nach den 7 fetten Jahren eingetroffen. Und durch die entstandene Hungersnot kamen auch die Brüder von Joseph nichts ahnend nach �gypten um Korn zu kaufen. Und Joseph erkannte seine Brüder. Jetzt hätte er die Gelegenheit, mit seinen Brüdern abzurechnen. Doch er handelt nicht so, nach "Auge um Auge, Zahn um Zahn", sondern er prüft sie - er will wissen, ob sie sich wohl verändert haben?
22 Jahre sind vergangen seit ihrer grausamen Tat an ihrem Bruder Joseph. Die Schuld von damals belastet noch immer ihr Leben und ihr Gewissen. Als Josef verlangt, ihren Bruder Benjamin nach �gpyten zu bringen, holt sie die Vergangenheit wieder ein. Nein, so etwas könnten sie ihrem Vater nicht nochmals antun.
Und irgendwann kann Joseph nicht mehr. Er weint laut und gibt sich seinen Brüdern zu erkennen.
Welch ein Moment der Versöhnung!
Manchmal muss man lange, oder gar jahrzehntelang auf solche Momente warten. Jetzt ist die Zeit gekommen, sich zu versöhnen.
Es kann vieles vermasselt sein und es kann manchmal lange dauern, aber wenn der Moment kommt, wo sich wie eine Türe zur Versöhnung öffnet, dann müssen wir den Mut haben, solche Momente nicht an uns vorbei gehen zu lassen.(auch wenn es emotionell wird und Tränen gibt.) Sonst wird man am Ende die Unversöhnlichkeit noch mit ins Grab nehmen, und wenn möglich tragen dann noch die Kinder den Streit weiter aus.
Wisst ihr, wie gut es tut, wenn Menschen ihre Schuld ablegen können, sie nicht mehr länger selber tragen müssen und sie zu Jesus ans Kreuz bringen dürfen? Kennen wir solche Zeiten? Ich staune immer wieder, wie viel sich verändern kann, wenn die Stunde da ist, wo der Heilige Geist unsere Herzen berührt und Gottes Frieden sich verbreitet.
In all den Jahren des Leidens wusste Joseph nicht: warum und wieso Gott dies alles zuliess. Uns geht es doch oft auch so. Aber Joseph vertraute Gott, weil er wusste, dass Er einen Plan mit seinem Leben hat. So wie er einen Plan mit einem jeden Leben hat.
Darum konnte Josef zu seinen Brüdern sagen:
Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?
20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein gro�es Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (aus demPredigttext)
Hier hat Gott hat auf krummen Linien gerade geschrieben. Wir kennen vielleicht auch andere Geschichten, wo Gott Böses zum Guten gewendet hat.
So kann Vergangenes begraben werden und Neues beginnen. Gott schreibt mit uns Menschen Geschichte, und auf all unsern krummen Linien und Wegen, kann Gott gerade schreiben. Das macht Mut und gibt uns neue Hoffnung für unser Leben.
Wenn aus Verletzungen, Unrecht und Schuld etwas Gutes hervor geht, dann ist Gott nahe. Dann berührt Er uns in unserm Innersten. Gott allein kann aus Unrecht und seelischer Not -> Versöhnung und etwas Neues schaffen. So, dass die Ketten unserer Gefangenschaft aufgehen.
Es ist Gott, der uns Menschen die Kraft gibt, sich über alte Geschichten miteinander zu versöhnen. Und vergangene Schuld nicht mehr als Bedrohung zu erleben. Menschen erfahren Schuld und tragen ihre Folgen ein Leben lang. Es mag sein, dass das, woran sie aneinander schuldig geworden sind, nicht so dramatisch ist, wie in der Josephs Geschichte.
Aber Geschichten wie diese können inspirieren, dem Leben heute eine neue Chance zu geben. Vergangene Schuld darf erinnert werden. Manchmal tut es gut, sie auszusprechen, gerade dann, wenn alle schweigen. Und manchmal MUSS man etwas aufdecken, was man so gerne unter den Teppich kehren würde.
Aber Schuld darf dem Neuen, das entstehen will, nicht die Luft abdrücken. So weit vergangene Schuld ihre Schatten werfen will, irgendwann muss es möglich sein, im Licht der Vergebung zu leben. Dieses Licht ist umso nötiger, weil es eben immer wieder geschieht, dass: Menschen einander verletzen und selbst auch wieder verletzt werden - und auch unter Christen.
Und die betroffenen Menschen leiden darunter. - Immer. - Und meistens leidet nicht nur der einzelne Mensch darunter. Dennâ?¦ das Leben ist wie ein Netz mit vielen Verbindungen und zieht andere mit sich.
Wenn ein Mensch verletzt wird, kann er seinen Wohnort ändern - oder er kann denen, die ihm weh getan haben, den Rücken kehren und sich vornehmen, Kontakte abzubrechen. Und doch kann er sich dem Konflikt nicht entziehen. Im Herzen setzt sich der Konflikt fort und wird nie ganz verstummen. (wie bei Josef und seinen Brüdern).
Und leise und unaufhaltsam steigt der Wunsch auf, frei zu werden von den Lasten der Vergangenheit, und einander wieder in versöhnter Weise begegnen zu können. Es fällt nicht immer leicht zu vergeben.
Aber Vergebung kann und darf immer wieder geschehen, weil Gottes es geschehen lässt: - weil Gott uns Menschen liebt - und uns von unseren Ketten (aus unsern Gefängnissen) befreit - und auf krummen Linien/Wegen gerade schreibt.
Und die Zeit kommt, wie bei der Begegnung von Joseph mit den Brüdern, wo durch das Wirken des Heiligen Geistes, in uns etwas Neues aufbricht und wo alte Geschichten zur abgeschlossenen Vergangenheit werden.
Dies zu wissen, gibt uns so viel Hoffnung, weil Gott all unsere Geschichten, wie schief und krumm sie auch gelaufen sind, zum Guten wenden kann.
So wie Josef den Brüdern ihre krummen Touren nicht vorhielt, noch viel grösser begegnet uns Jesus. Er hat all unsere krummen Taten auf sich genommen hat und den Weg der Versöhnung für uns geöffnet hat:
Eben, weil Er ein Gott der Liebe ist, der auch auf krummen Linien gerade schreiben kann. Amen

